Eine freegane Kritik am Veganismus

Ein Text von shikari

Freeganismus, das ist grundsätzlich ein Widerstand gegen den Konsumerismus, der bewusste Nicht-Konsum. Es ist die Einsicht, dass wir durch jede Konsumentscheidung das bestehende System und die greifbaren Vertreter kapitalistischer Ideologie – die Unternehmen –, auch wenn wir sie zu boykottieren glauben, unterstützen. Es ist die Einsicht, dass auch biologisch produzierte Lebensmittel das Ergebnis der gezielten und institutionalisierten Domestizierung und Ausbeutung unserer Erde sind; dass auch Schuhe, die nicht in Sweatshops hergestellt wurden, trotzdem auf ihre Weise zur (Lohn-)Versklavung anderer Menschen beitragen; dass auch Öko-Treibstoff vor dem Hintergrund der industriellen Kriegsmaschinerie aus lebenden Wesen extrahiert werden musste; dass auch ethisch und politisch ‹korrekte› Produkte einer Verpackung bedürfen, die, wie alle anderen, dereinst zu Kohlenmonoxid, Schwefeloxid, Stickoxid, Salzsäure, Fluorwasserstoff und schwermetallhaltigen Stäuben verbrannt werden. Es ist – nach Jahren des Versuchs, Unternehmen, die aus menschenrechtlicher, tierrechtlicher oder umweltschützerischer Sicht nicht unterstützenswert sind, zu boykottieren – die Einsicht, dass es diese Kultur an sich ist, die problematisch ist.

Das Wort freegan setzt sich zusammen aus «free» und «vegan». Veganer_Innen sind Menschen, die Produkte tierischer Abstammung oder Produkte, die an Tieren getestet wurden, vermeiden, um die Ausbeutung nichtmenschlicher Tiere nicht-profitabel zu machen. Freeganer_Innen gehen noch einen Schritt weiter, indem sie anerkennen, dass in einer komplexen, industriellen, massenproduzierenden, gewinnorientierten Marktwirtschaft der Missbrauch von Menschen, nichtmenschlichen Tieren und der Erde in allen Ebenen der Produktion (von der Erlangung der Rohmaterialien, über die Produktion, bis zum Transport) und in jedem Produkt, das wir kaufen, sichtbar wird.

Sweatshops, die Zerstörung der Regenwälder, die Erderwärmung, die Tilgung indigener Gemeinschaften, Luft- und Wasserverschmutzung, die Ausrottung wilder Tiere als «Seuchen», der Tagebau, Ölbohrungen in ökologisch empfindlichen Gebieten, die Marginalisierung und das Zum-Schweigen-Bringen von Gewerkschaften, Kinderarbeit, Bestechungen und geheimdienstliche Unterstützung repressiver Regimes, um Einfluss zu erlangen oder zu verteidigen, sind nur manche der vielen Auswirkung der scheinbar harmlosen Konsumprodukte, die wir jeden Tag konsumieren.

Veganismus erhofft sich vom Boykott tierischer Produkte einerseits deren Abschaffung, weil ihre Produktion nicht mehr rentabel sei. Andererseits wollen Menschen, die vegan leben, auch kein «Blut an ihren Händen» haben – durch das Erhöhen der Nachfrage tierischer Produkte, werde schliesslich mehr produziert. Ein kurzer Ausflug in die Container von Supermärkten bringt allerdings eine ganz andere Geschichte als das Märchen von Angebot und Nachfrage zutage. Die Produktion von tierischen Produkten ist per se rentabel und wird in unvermindertem Masse fortgesetzt – die Beziehung von Produzent_Innen zu Konsument_Innen ist zu entfremdet, als dass diese durch Konsum oder Nichtkonsum einen erheblichen Einfluss nehmen könnten. Schliesslich gibt es noch den Staat, der im Zweifelsfall eingreifen kann und dies auch tut, um Unternehmen oder auch ganze Branchen zu unterstützen.
Der vegane Boykott legt ausserdem einen falschen Schwerpunkt: das, was boykottiert wird, ist schlecht; das, was konsumiert wird, auf der anderen Seite, also gut. Diese Schwarzweissmalerei liefert ein verzerrtes Bild der Realität und lässt Veganer_Innen bequem ausblenden, dass für ihre, vermeintlich gewaltfreien Konsumgüter (oftmals gar mit der Aufschrift ‹cruelty-free›), tagtäglich Gewalt ausgeübt wird; dass ihr Essen am anderen Ende der Welt produziert wurde, nur um dann verarbeitet, weit transportiert und für lange Zeit aufbewahrt zu werden, dies alles natürlich zu Ungunsten der Umwelt.

Auch um sich einen bewussten Konsum leisten zu können, muss mensch arbeiten, wie für jeden Konsum.
Arbeit bedeutet, unsere Freiheit zu opfern um Befehle von anderen zu befolgen, Stress, Langeweile, Monotonie und oftmals auch Risiken unserer physischen und psychischen Gesundheit. Sobald wir realisiert haben, dass es nicht ein paar schlechte Produkte oder ein paar ungeheuerliche Unternehmen sind, die verantwortlich für die sozialen und ökologischen Missbräuche unserer Welt sind, sondern das gesamte System, in dem wir arbeiten, realisieren wir, dass wir als Arbeiter_Innen nur Zahnräder in dieser Todesmaschinerie sind. Es ist die strenge Arbeitsteilung der Zivilisation, die uns von den Konsequenzen unserer Arbeit abschneidet – welche Verantwortung trägt beispielsweise der Fleischhändler für das Töten der Tiere, deren Leichenteile er verkauft? Was ist mit dem Werbedesigner, der die Vermarktung dieses Produkts ermöglicht? Mensch muss keine Aktie eines Unternehmens besitzen oder eine Fabrik oder ein Kraftwerk besitzen, um verantwortlich gemacht zu werden.
Ein freeganer Lebensstil ermöglicht es uns, für die meisten Aspekte unserer Leben aufzukommen, ohne dafür arbeiten zu müssen; wir können selber bestimmen, in welchem Ausmass wir arbeiten möchten.

Es gibt nichts einzuwenden gegen die Bemühung, sich seines Konsums bewusst zu werden. Doch eine Bewegung, die sich davon grundsätzliche Veränderungen an den vorherrschenden Zuständen erhofft, kann keine fruchtbare Bewegung sein. Mit unseren veganen Konsumwünschen haben wir uns verkauft und diejenigen, die von der Zerstörung profitieren, nur noch mehr gemästet. Wir haben uns selbst den Aufschwung genommen, eine soziale Bewegung von Bedeutung zu sein. Wir haben zugelassen, dass wir nicht mehr diejenigen als die Schuldigen erkennen, die durch die Arbeitsteilung und Spezialisierung der Zivilisation ohnehin jeglicher Verantwortung entbunden wurden – wir haben sie unbehelligt weiter Gewinne daraus schlagen lassen, alles Lebendige systematisch auszulöschen. Wir haben nicht das System als Urheberin dieses Leidens ins Auge gefasst, sondern uns selbst angegriffen. Wir haben die Liebe für andere Lebewesen von vorausschauenden Unternehmen in stumpfe Konsumbedürfnisse kanalisieren lassen, statt uns durch die berechtigte Wut über die Bedrohung derer, die wir lieben, beflügeln zu lassen und zur Tat zu schreiten.

Es ist wichtig, dass wir anerkennen, dass individuelle Entscheidungen keine Rolle spielen. Eine radikale und revolutionäre Veränderung der Verhältnisse lässt sich nicht erkaufen, genau so wenig lässt sie sich ‹erboykottieren›.

Es wird niemals der Boykott sein, der uns in ein Leben führt, das es zu leben wert ist. Einzig die effektive Zerstörung dessen, was heute Leben zerstört, wird uns in die Freiheit führen. Einzig das Bewusstsein, dass wir für diejenigen, die wir lieben – Menschen, Nichtmenschen, Bäume, Sträucher, Wiesen, Flüsse, Seen, Berge... – mit allen Mitteln kämpfen müssen, die uns zur Verfügung stehen, wird ihnen noch rechtzeitig zu Hilfe kommen.
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